Die Behausungsfrage der Pygmäen

Wohnen, das ist sitzen, gehen, stehen, liegen, das ist sehen, hören, essen, baden, spielen; wohnen, das ist kochen, tanzen, faulenzen, lesen, reden, kontemplieren und vieles mehr. Wohnen, das ist eine infinite Menge an Tätigkeiten, die weder in der Anzahl noch vom Spektrum der Tätigkeiten her zu begrenzen ist, über dessen Definition es aber einen stillschweigenden gesellschaftlichen Konsens gibt. Wohnen, das ist jene Tätigkeit, die keine eigene ist, sich aber aus zahlreichen Tätigkeiten ergibt. Jeder weiß, was es ist, jeder definiert es individuell für sich und jeder redet zugleich von etwas anderem, aber geht man "zum Wohnen" nach Hause?
Zwar definiert Wohnen jeder für sich, die wenigsten wohnen jedoch alleine. Wenn wir von einem "worst case" ausgehen, dann führen mehrere Personen verschiedene Wohntätigkeiten zur gleichen Zeit in einer Wohnung aus! Die Bewohner können diese Tätigkeiten aber nur gleichzeitig ausüben, wenn sie diese Aktivitäten aufeinander abstimmen können, sollten diese Tätigkeiten nicht zum Scheitern verurteilt sein.
Das aufeinander Abstimmen hat wesentlich mit Kommunikation zu tun, woraus gefolgt werden kann, daß eine Wohnung Kommunikation ermöglichen muß, damit "gewohnt" werden kann. Kommunikation wird zum einen durch räumliche Kriterien und zum anderen durch die Kommunikationsbereitschaft geprägt. Fernsehen und lesen gleichzeitig, in einem Raum? Spielen, schlafen, baden, arbeiten, gleichzeitig in einer Wohnung? Es stellt sich die Frage, ob eine Wohnung soviel leisten kann?
Die Pygmäen in Zentralafrika leben in Iglu-ähnlichen Hütten, die aus einem Astgeflecht bestehen, das mit Laub eingedeckt wird. Durch das Aufstellen eines Ausschnitts der Laubeindeckung wird ein Eingang geschaffen, durch den man in die Laubhütte, die ein bis zwei Personen beherbergt, kriechen kann.
Die Hütten werden nebeneinander, wie Glieder einer Kette aufgestellt und bilden in dieser Anordnung ein kreisähnliches Gebilde. Die Eingänge sind weder zum Kreismittelpunkt, noch nach außen gerichtet, sondern aufeinander bezogen. Der Bewohner öffnet seine Behausung zu jener Hütte, mit deren Besitzer er gerne kommunizieren möchte. Ist der Nachbar einverstanden, öffnet dieser ebenfalls seine Luke. Wenn diese Interaktion nicht mehr gewünscht wird, so schließt einer von beiden seinen Eingang, öffnet möglicherweise den zweiten zu einem anderen Nachbarn oder er nimmt seine Hütte, zieht mit ihr um und sucht sich ein neues Gegenüber. Die Pygmäen schaffen mit diesem Prinzip in einfacher Art eine ideale Voraussetzung für Kommunikation, die sie durch räumlichen Kriterien definieren und durch das Öffnen der Zugänge signalisieren. Jeder Kommunikationspartner hat die Möglichkeit in Kontakt zu einem anderen zu treten bzw. die Kommunikation zu unterbinden.

Eine Wohnung in unseren Breiten hat Kommunikation zu ermöglichen und muß zugleich den Bewohnern die Freiheit bieten, sich der Begegnung entziehen zu können. Damit wird eine wesentliche Grundlage geschaffen, einer Bewohnerfluktation, bedingt durch Mißstände einer Wohnungskonfiguration, entgegenzuwirken.
Eine Wohnung hat heute nicht nur den Bedarf für einen Ein-, Zwei- oder Mehrpersonen-Haushalt zu erfüllen, sondern muß vielmehr den Bedürfnissen von Singles, von Dinki´s (double income, no kids), von Alleinerziehenden mit Kind oder Kindern, von alleinstehenden Vätern und Müttern, von konventionellen Familien, von den Yuppies (young urban professionals) bis hin zu den Heimarbeitern, gerecht werden. Zudem läßt sich neben dem herkömmlichen ortsgebundenen Wohnen, das als permanentes Wohnen bezeichnet werden kann, verstärkt eine temporäre Lebensform festellen, die zwar nicht das temporäre Wohnen ablösen, sondern die Landschaft der Wohnformen erweitern wird.

Es kann in der heutigen Wohnbaudiskussion also nicht um Küche, Diele, Bad, um Schlafzimmer, Kinderzimmer oder Wohnzimmer gehen. Auch nicht die Forderung nach Fliesen oder Travertin im Eingang, von Parkett im Wohnzimmer und von Musterfliesen in den Badezimmern, kann den Bedürfnissen tatsächlich entsprechen. Diese vordergründigen, scheinbar befriedigenden Antworten wirken letztendlich peinlich und greifen trotz ihrer Handlungslogik gründlich daneben. Dennoch ist es diesem klischeehaften Umgang lange Zeit gelungen, die zum Teil grotesken Wohnbaurealisierungen durchzuziehen und die Bewohner mit diesen "Wohnbombern" zu befriedigen. Denn solange eine Nachfrage an Wohnungen besteht, können diese Projekte, die Standards quantitativ definieren, immer noch vermarktet werden.

Diesem Qualitätsverlust entgegenzuwirken ist schon seit geraumer Zeit Anliegen von Architekten und ambitionierten Politikern. Einhergehend mit gesellschaftspolitischen Veränderungen wurden vielerorts den Bewohnern Mitspracherechte bei der Planung ihrer Wohnung eingeräumt. Partizipation wurde zum Schlagwort schlechthin. Potentielle Bewohner, die sich artikulieren, sich also den Architekten verständlich machen konnten, erhielten maßgeschneiderte Wohnungen, jedoch mit der Crux, daß diese Hüllen geänderten Lebensformen und Verhältnissen nicht gerecht werden können, das Gewand also leicht zu eng wird, und zu platzen droht. Als Alternative stehen nur Ausziehen oder eingezwängt Weiterwohnen zur Verfügung. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wer denn im Falle eines Verkaufs ein maßgeschneidertes Gewand second hand kaufen möchte?
Gleichzeitig sind jene Wohnungssuchenden benachteiligt, die sich nicht entsprechend artikulieren, aus Zeitmangel nicht partizipieren können, meistens jene Personen, die lediglich eine Wohnung zu einem fixierten Termin, um einen bestimmten Preis und an einem bestimmten Ort benötigen. An diesem Personenkreis ist die Politik- und Architekturaufbruchstimmung vorbeigegangen.

Geht man von der Priorität der Wohnungsbedarfsdeckung aus, die in einem förderbaren Rahmen liegen muß, so müssen Wohnbauprogramme entwickelt werden, die sich gravierend von den herkömmlichen Gegebenheiten unterscheiden sollten. Es kann nicht darum gehen, einen Wohnungstyp zu entwickeln, der allen Ansprüchen gerecht wird. Es geht auch nicht um den System- oder Elementwohnbau, um den Massiv-Leicht- oder Fertigteilbau. Es geht auch nicht um gekrümmte, gefaltete oder gerade Gebäude, und schon gar nicht um Flachdach oder Satteldach, sondern darum, einen Rahmen für die Antworten auf die zahlreichen Fragen zu finden, die die unterschiedlichsten Anforderungen an die Nutzung stellen.
Daß das maßgeschneiderte Gewand nur ein persönliches Bedürfnis befriedigt, soll nicht zur Antithese führen, daß nur die Stangenware die Antwort auf die gestellten Fragen sein kann. Vielmehr wird ein Gewand zu suchen sein, das den verschiedensten Ansprüchen genüge tun kann. Die Wohnung ist ein Gewand, das kein Gewand sein muß, aber ein Gewand sein kann. Das Bild, das wir uns von einem Wohnkleid machen, ist letztendlich ein gedankliches Konstrukt. Denn Sehen ist eng mit Lernen verbunden, d.h. wir lernen sehen, indem wir kollektive Codes bewußt und unbewußt akzeptieren, wie dies ja auch mit Farben und Gegenständen der Fall ist. Diese Codes wiederzufinden oder uns an sie zu erinnern, gibt uns ein Gefühl der Sicherheit. Verwirrung setzt ein, wenn wir diese Codes nicht finden, oder wenn sie auf eine andere, unerwartete Art und Weise verwendet werden. Das sich hieraus ergebende Gefühl der Unsicherheit erhöht jedoch die Aufmerksamkeit.

Ein Altbau mit Decken und Wänden, mit Stiegen, Durchgangsräumen und üppigen Erschließungsflächen animiert dazu, darüber nachzudenken, ob sich eine derartige räumliche Struktur überhaupt zum Wohnen eignet. Wird die Frage bejaht, so müssen sämtliche Bereiche von der Art des Wohnens programmiert werden. Sie müssen mit Funktionen belegt werden, denn sie sind in ihrer vorgefundenen Offenheit nicht determiniert, bis auf wenige Bereiche wie Küche und Bad. Die Bewohner müssen selbst bestimmen, wo das Wohnzimmer, wo das Schlafzimmer liegt und wo der Schlafplatz fixiert wird. Anders ausgedrückt fehlen diesem räumlichen Gefüge eben jene Codes, die eine Wohnung definieren und die zumeist unbewußt wahrgenommen und akzeptiert werden.

Natürlich können Architekten nicht aufgerufen werden, Altbauten zu entwerfen, geschweige denn Pygmäen-Laubhütten zu bauen. Aber Brücken inhaltlicher Natur können geschlagen werden.

Es sind Strukturen zu definieren, die den Nutzungen Spielraum gewähren; es sind Raumelemente in der Art zu ordnnen, daß Hierarchien vermieden werden und es sollten nicht-relationelle Kompositionen geschaffen werden, die in jeder Hinsicht offen sind und soviel zulassen, daß die Bewohner jene Möglichkeiten vorfinden, sich durch ihr eigenes Programmieren über die Struktur, die somit zur Wohnung wird, zu definieren.
Je mehr zu programmieren ist, desto nachhaltiger kann die Identifikation mit der gebauten Umgebung sein. Aneignung findet statt.
Das ist Kommunikation!

Roger Riewe