![]() ![]()
|
||
Die Behausungsfrage der Pygmäen
Wohnen, das ist sitzen, gehen, stehen, liegen, das ist sehen, hören, essen,
baden, spielen; wohnen, das ist kochen, tanzen, faulenzen, lesen, reden,
kontemplieren und vieles mehr. Wohnen, das ist eine infinite Menge an
Tätigkeiten, die weder in der Anzahl noch vom Spektrum der Tätigkeiten
her zu begrenzen ist, über dessen Definition es aber einen stillschweigenden
gesellschaftlichen Konsens gibt. Wohnen, das ist jene Tätigkeit, die keine
eigene ist, sich aber aus zahlreichen Tätigkeiten ergibt. Jeder weiß,
was es ist, jeder definiert es individuell für sich und jeder redet zugleich
von etwas anderem, aber geht man "zum Wohnen" nach Hause?
Eine Wohnung in unseren Breiten hat Kommunikation zu ermöglichen und muß
zugleich den Bewohnern die Freiheit bieten, sich der Begegnung entziehen
zu können. Damit wird eine wesentliche Grundlage geschaffen, einer Bewohnerfluktation,
bedingt durch Mißstände einer Wohnungskonfiguration, entgegenzuwirken.
Es kann in der heutigen Wohnbaudiskussion also nicht um Küche, Diele, Bad, um Schlafzimmer, Kinderzimmer oder Wohnzimmer gehen. Auch nicht die Forderung nach Fliesen oder Travertin im Eingang, von Parkett im Wohnzimmer und von Musterfliesen in den Badezimmern, kann den Bedürfnissen tatsächlich entsprechen. Diese vordergründigen, scheinbar befriedigenden Antworten wirken letztendlich peinlich und greifen trotz ihrer Handlungslogik gründlich daneben. Dennoch ist es diesem klischeehaften Umgang lange Zeit gelungen, die zum Teil grotesken Wohnbaurealisierungen durchzuziehen und die Bewohner mit diesen "Wohnbombern" zu befriedigen. Denn solange eine Nachfrage an Wohnungen besteht, können diese Projekte, die Standards quantitativ definieren, immer noch vermarktet werden. Diesem Qualitätsverlust entgegenzuwirken ist schon seit geraumer Zeit
Anliegen von Architekten und ambitionierten Politikern. Einhergehend mit
gesellschaftspolitischen Veränderungen wurden vielerorts den Bewohnern
Mitspracherechte bei der Planung ihrer Wohnung eingeräumt. Partizipation
wurde zum Schlagwort schlechthin. Potentielle Bewohner, die sich artikulieren,
sich also den Architekten verständlich machen konnten, erhielten maßgeschneiderte
Wohnungen, jedoch mit der Crux, daß diese Hüllen geänderten Lebensformen
und Verhältnissen nicht gerecht werden können, das Gewand also leicht
zu eng wird, und zu platzen droht. Als Alternative stehen nur Ausziehen
oder eingezwängt Weiterwohnen zur Verfügung. In diesem Zusammenhang stellt
sich die Frage, wer denn im Falle eines Verkaufs ein maßgeschneidertes
Gewand second hand kaufen möchte?
Geht man von der Priorität der Wohnungsbedarfsdeckung aus, die in einem
förderbaren Rahmen liegen muß, so müssen Wohnbauprogramme entwickelt werden,
die sich gravierend von den herkömmlichen Gegebenheiten unterscheiden
sollten. Es kann nicht darum gehen, einen Wohnungstyp zu entwickeln, der
allen Ansprüchen gerecht wird. Es geht auch nicht um den System- oder
Elementwohnbau, um den Massiv-Leicht- oder Fertigteilbau. Es geht auch
nicht um gekrümmte, gefaltete oder gerade Gebäude, und schon gar nicht
um Flachdach oder Satteldach, sondern darum, einen Rahmen für die Antworten
auf die zahlreichen Fragen zu finden, die die unterschiedlichsten Anforderungen
an die Nutzung stellen.
Ein Altbau mit Decken und Wänden, mit Stiegen, Durchgangsräumen und üppigen Erschließungsflächen animiert dazu, darüber nachzudenken, ob sich eine derartige räumliche Struktur überhaupt zum Wohnen eignet. Wird die Frage bejaht, so müssen sämtliche Bereiche von der Art des Wohnens programmiert werden. Sie müssen mit Funktionen belegt werden, denn sie sind in ihrer vorgefundenen Offenheit nicht determiniert, bis auf wenige Bereiche wie Küche und Bad. Die Bewohner müssen selbst bestimmen, wo das Wohnzimmer, wo das Schlafzimmer liegt und wo der Schlafplatz fixiert wird. Anders ausgedrückt fehlen diesem räumlichen Gefüge eben jene Codes, die eine Wohnung definieren und die zumeist unbewußt wahrgenommen und akzeptiert werden. Natürlich können Architekten nicht aufgerufen werden, Altbauten zu entwerfen, geschweige denn Pygmäen-Laubhütten zu bauen. Aber Brücken inhaltlicher Natur können geschlagen werden. Es sind Strukturen zu definieren, die den Nutzungen Spielraum gewähren;
es sind Raumelemente in der Art zu ordnnen, daß Hierarchien vermieden
werden und es sollten nicht-relationelle Kompositionen geschaffen werden,
die in jeder Hinsicht offen sind und soviel zulassen, daß die Bewohner
jene Möglichkeiten vorfinden, sich durch ihr eigenes Programmieren über
die Struktur, die somit zur Wohnung wird, zu definieren.
Roger Riewe
| ||